Imrich Lichtenfeld (Imi Sde-Or), Begründer des Krav Maga

Imis private Odyssee an Bord des Schiffes und danach war voller spannender Episoden und dauerte rund zwei Jahre bis er sein Ziel erreichte. Zu Beginn seiner Reise, als sie die Donau und die Ägäis befuhren, musste Imi häufig ins Wasser springen, um über Bord gegangene Passagiere zu retten oder Pakete mit Nahrungsmitteln einzusammeln, die zu dieser Zeit äußerst knapp waren. Dabei zog er sich eine Ohrenentzündung zu, die ihn beinah das Leben kostete. Als ein Kessel an Bord des Schiffes explodierte und esnahe der griechischen Insel Kamilanisi auf Grund laufen ließ, nahmen sich Imi und vier seiner Freunde ein Ruderboot und machten sich auf den Weg nach Kreta, um Hilfe zu holen. Seine Ohrenentzündung und die Bitten seiner Freunde missachtend, weigerte sich Imi einen ganzen Tag lang, mit dem Rudern zu pausieren. Aber trotz ihrer heldenhaften Anstrengungen ließen starke Winde das kleine Ruderboot abtreiben und es erreichte Kreta nie. Am Morgen des fünften Tages nahm ein englisches Kriegsschiff die fünf Überlebenden auf und brachte sie ins ägyptische Alexandria. Imi, dessen Gesundheitszustand sich ernsthaft verschlechtert hatte, kam in das Jüdische Krankenhaus der Stadt und wurde dort mehrmals operiert. Erst fünfzig Jahre später wurde Imi gewahr, dass er damals knapp dem Tod entgangen war, und die Ärzte des Krankenhauses seiner Genesung keine Chancen mehr eingeräumt hatten. Dies erfuhr Imi, als einer der Freunde aus dem Ruderboot Joseph Hertz (der später Arzt in Prag wurde), ihn in Israel besuchte.

Nach seiner Genesung schloss sich Imi der tschechischen Legion an, die während des 2. Weltkriegs unter dem Kommando der Britischen Armee stand. Im Rahmen dieser Tätigkeit diente er ungefähr anderthalb Jahre lang in verschiedenen Gebieten des Nahen Ostens, darunter Libyen, Syrien, dem Libanon und Ägypten. Zu seinem Abschied 1942 erbat und erhielt Imi eine Einreisegenehmigung für Israel (damals Palästina). Zu dieser Zeit dienten einige von Imis Freunden und früheren Schülern in der Hagana-Widerstandsbewegung, dem militärischen Vorgänger der IDF (Israel Defense Forces). Imi wurde General Itzchak Sadeh, dem Leiter der Hagana vorgestellt, der ihn wegen seiner besonderen Talente im Nahkampf sofort in der Organisation aufnahm. 1944 begann Imi, israelische Kämpfer in seinen Fachgebieten auszubilden: Körperliche Fitness, Schwimmen, Gebrauch des Messers und Verteidigung gegen Messerangriffe. Während dieser Zeit trainierte Imi mehrere Eliteeinheiten von Hagana und Palmach (derStreitkräfte der Hagana und Vorläufer der Spezialeinheiten der IDF), einschließlich deren Marine-Kommando-Einheit Palyam und Polizeitruppen. 1948, zeitgleich mit der Gründung des Staates Israel und der Israel Defense Forces, wurde Imi Chefausbilder für körperliche Fitness und Krav Maga an der School of Combat Fitness (Militärische Kampfschule). Er diente in der IDF ungefähr 20 Jahre lang. In dieser Zeit entwickelte und verfeinerte er seine einzigartige Selbstverteidigungs- und Nahkampfmethode. Imi trainierte die Elitekämpfer der israelischen Spezialeinheiten persönlich und bildete viele Jahrgänge zu qualifizierten Krav Maga-Instruktoren aus, wofür ihm die Anerkennung der höchsten israelischen Kommandeure zuteil wurde.

Man sollte bedenken, dass Imis Methode, Krav Maga, den besonderen Anforderungen der IDF entgegen kommen musste. Das heißt, es musste leicht zu erlernen und anzuwenden sein, so dass der Soldat, egal ob Büroangestellter oder Kämpfer in einer Spezialeinheit, innerhalb der kürzest möglichen Trainingszeit den erforderlichen Leistungsstand erreichen konnte. Es war auch wichtig, dass der Leistungsstand der Soldaten mit einem Minimum an Kontrolle und Training aufrecht erhalten werden konnte. Ebenso wichtig war, dass die von Imi erdachten Selbstverteidigungs- und Kampftechniken auch dazu geeignet waren, unter stressbeladenen Bedingungen wirksam angewendet zu werden. Nach seinem Rückzug aus dem aktiven Militärdienst begann Imi damit, Krav Maga den zivilen Anforderungen anzupassen. Die Methode wurde auf jedermann zugeschnitten: Mann oder Frau, Junge oder Mädchen, junge Menschen oder Erwachsene, für jeden, der es im Ernstfall brauchen könnte, um sein (oder ihr) Leben zu retten und einen Angriff zu überleben, und dabei möglichst geringen Schaden zu nehmen, ganz gleich welche Ursache der Angriff hat: kriminell, nationalistisch oder anderweitig motiviert.

Zur Verbreitung seiner Methode gründete Imi zwei Trainingscenter in Tel Aviv und seiner neuen Heimatstadt Netanya. Tatsächlich wurde Netanya, dieser faszinierende mediterrane Touristenort, aus dem viele Krav Maga-Ausbilder stammen, schnell zur "Pilgerstätte" begeisterter Anhänger dieser original israelischen Kampfmethode. Während dieser Zeit fungierte Imi Lichtenfeld weiterhin als Berater und Krav Maga-Ausbilder für die IDF und andere israelische Sicherheitskräfte. 1972 wurde der erste nicht-militärische Kursus für Krav Maga-Ausbilder an der Schule für Trainer und Ausbilder am Wingate Institute for Sport and Physical Education abgehalten. Seither hat sich die Methode in vielen zivilen Bereichen in Israel sowie im Ausland verbreitet. Viele Tausend Menschen wurden in den leicht zu erlernenden, schnörkellosen Selbstverteidigungstechniken des Krav Maga unterrichtet. Außer für Mitglieder der israelischen Sicherheitsdienste und der israelischen Polizei wird es an Lehrerkollegien, Grundschulen und privaten Instituten sowie in privaten Studios, ländlichen Siedlungen (z. B. Kibbutz und Moshavim) und in örtlichen städtischen Gesellschaftszentren unterrichtet. 1978 gründete Imi zusammen mit einigen seiner besten Schüler die „Israeli Krav Maga Association" mit der Absicht, die Methode in Israel sowie im Ausland zu verbreiten und ihren Wert für die Selbstverteidigung bekannt zu machen. Imi Sde-Or war bis an sein Lebensende Präsident dieser Vereinigung. Die internationalen Aktivitäten begannen 1981, hauptsächlich in den USA, mit der großzügigen Unterstützung des amerikanischen, sehr sozial gesinnten Geschäftsmannes Daniel Abraham. Die erfolgreiche Verbreitung des Krav Maga-Unterrichts in den USA geht in erster Linie auf den tatkräftigen Einsatz von Darren R. Levine (Meistergrad 1 / Lehrergrad 6) aus Los Angeles, Kalifornien, zurück. Seit den achtziger Jahren bemüht sich Levine darum, Imis Selbstverteidigungsmethode in der amerikanischen Öffentlichkeit bekannt zu machen. Außerdem trug er als technischer Berater zur englischsprachigen Ausgabe dieses Buches bei. Anfang der neunziger Jahre äußerte Großmeister Imi seinen Wunsch, einen internationalen Krav Maga Verband zu gründen, um sein Wissen den Menschen auf der ganzen Welt weiterzugeben. Die rasche Gründung wurde von Imi, der hierin die Erfüllung seines Lebenstraums sah, freudig begrüßt. 1996 verlieh Imi Eyal Yanilov, dem Gründer und Chefausbilder des Verbandes (sowie Co-Autor dieses Buches) für seine Leistungen die höchste erreichbare Graduierungsstufe (Master level 3 / Expert level 8). Bis an sein Lebensende im Alter von 87 Jahren arbeitete Imi mit der Unterstützung von Eyal Yanilov weiter an der Entwicklung von Krav Maga-Techniken und -Konzepten. Er beaufsichtigte persönlich das Training der höchsten Krav-Maga-Grade und verbrachte seine Zeit mit den Ausbildern in Israel und denen, die aus dem Ausland zu Besuch kamen. Imi überwachte die Fortschritte und Leistungen der Schüler, fesselte sie mit seiner einzigartigen Persönlichkeit und seinem feinen Sinn für Humor und vermittelte ihnen sein Wissen und seinen Rat.

Großmeister Imi Lichtenfeld verstarb im Januar 1998, selbst in seinen letzten Augenblicken frohen Mutes und im Bewusstsein, dass seine Lehre lebt und gedeiht.

Anmerkung: Der Text stammt aus dem Buch: "Krav Maga: Abwehr bewaffneter Angriffe" von Imi Sde-Or und Eyal Yanilov, erschienen bei Weinmann Verlag, Berlin 2003

Imi caught in action ..
.. während einer Vorführung
Krav Maga bei Militär heute..
Eyal Yanilov erhält die Istructor's Urkunde von Imi Lichtenfeld
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